Das nationale Festival jazzin fand 2008 und 2011 im Flawiler Lindensaal statt. Wenn es am 24. November zum dritten Mal über die Bühne geht, nicht mehr. Die Veranstalter zügeln nach St. Gallen in die Lokremise. OK-Präsident Urs C. Eigenmann erklärt, warum, und was das jazzin werden soll.
Musik, Saal, Dekoration: Am jazzin 2011 (Auftritt Soul Jam) hätte alles gestimmt – nur das Publikum blieb aus. In St. Gallen soll sich dies ändern. (Bild: Archivbild: mf.)
MARIO FUCHS
FLAWIL. Eigentlich war alles da: Begeisternde Musikerinnen und Musiker, ein liebevoll dekorierter Saal, ein leidenschaftlich agierendes OK, ein noch leidenschaftlicher auftretender OK-Präsident. Stimmig war das jazzin 2011, ein feiner Kulturanlass für Musikliebhaber, nicht nur aus dem breiten Feld des Jazz. Plakate hatten wochenlang darauf hingewiesen, auf dem Land und in der Stadt. Die Eintrittspreise für ein zweitägiges Festival lagen im Rahmen. Aber, trotz allem: Das Publikum blieb aus. Die Erinnerungen an beeindruckende Konzerte wie jenes der Berner Frauenformation x-elle oder der aufstrebenden Flawilerin Laura Boldo (mit off&out) werden durch das finanzielle Ergebnis getrübt. Unterm Strich blieb ein Verlust von 10 000 Franken übrig.
Drei Hauptgründe
Zweimal hat man es in Flawil versucht. Die Resonanz war 2008 gut – nicht über Erwarten, aber gut – 2011 enttäuschend. «Jetzt müssen wir mit dem Festival irgendwohin, wo mehr Leute kommen», sagt Urs C. Eigenmann. Und: «Das meine ich nicht als Vorwurf.» Eigenmann weiss, dass das Ausbleiben der Konzertbesucher, vor allem aus Flawil selbst, auch, wie er selbst sagt, «mit meiner Figur zu tun hat». Die Hauptgründe aber lägen anderswo. Erstens in der Terminierung auf Mitte September. Viele Paare ohne Schulkinder seien dann in den Ferien. Zweitens im Namen jazzin, der den Jazz bewusst mitführt. «Wenn die Leute Jazz lesen, denken sie immer gleich an Freejazz. Eigentlich aber ist alles Jazz, auch Blues, Funk und Soul.» Andere Jazzfestivals, wie etwa in Lichtensteig oder Montreux, hätten schon lange nicht mehr allzu viel mit Jazz zu tun.
Dem Konzept treu bleiben
Drittens, so Eigenmann, sei nicht zuletzt auch das Konzept selbst mitverantwortlich für das geringe Publikumsinteresse. Das jazzin setzt konsequent auf Schweizer Künstler, vorwiegend unbekanntere. «Wir verkaufen keine Namen. Wir bieten talentierten Schweizer Künstlern eine Plattform», sagt Urs C. Eigenmann. Da man diesem Konzept treu bleiben will («sonst gibt es ja in der Schweiz kein einziges Festival mehr für inländische Gruppen»), lag die Konsequenz, trotz weinendem Auge, schnell auf der Hand: Es muss gezügelt werden. «Ich gehe mit dem jazzin nicht gerne von Flawil weg, der Anlass war für hier gedacht», sagt Eigenmann, um gleich wieder realistisch zu werden: «Die Bevölkerung hat uns hier schon ein wenig ignoriert.» An der Unterstützung der Gemeinde habe es nicht gelegen, auch wenn bei der Ausgabe 2011 der Gesamtgemeinderat ortsabwesend war. «Das war schade», sagt Eigenmann, aber er mache niemandem einen Vorwurf. Finanziell hatte die Gemeinde das Festival gut unterstützt. «Die Gemeinde hat nach ihren finanziellen Möglichkeiten für beide Anlässe Beiträge von insgesamt 19 000 Franken geleistet», sagt Gemeindepräsident Werner Muchenberger auf Anfrage. Er bedauere den Wegzug «sehr», und wünsche den Machern zum Neubeginn in St. Gallen den «verdient guten Erfolg und hoffentlich nachhaltigen Aufstieg zu einem Leuchtturm-Event für unsere Region» (siehe «Wörtlich»).
Luzern, Lausanne und Lugano
Eine neue Heimat haben die Organisatoren in der Stadtsanktgaller Lokremise gefunden, einem Lokal «von Weltklasseformat», wie Eigenmann sagt. Dort hat man vom kleinen, aber feinen Musikanlass in Flawil gehört und freut sich dem Vernehmen nach über den «Zuzüger». Langfristig soll das jazzin wachsen und Ableger in mehreren Schweizer Städten bilden. Heuer geschah dies in Winterthur, wo Albert Landolt, Gründer der Jazzschule Wiam, am Vorabend des Flawiler Festivals einen Konzertabend veranstaltete. Er sei derzeit in Gesprächen, etwa mit Luzern, Lugano und Lausanne, sagt Urs C. Eigenmann. Nichtsdestotrotz soll das jazzin ein «kleines Festival» bleiben. Eines dafür, bei dem alles stimmt – und die Zuschauer kommen, weil sie wissen, dass gute Musik gespielt wird.
WÖRTLICH
Werner Muchenberger, Gemeindepräsident Flawil
Natürlich bedauere ich sehr, dass das jazzin nicht mehr in Flawil stattfindet. Ich hoffe für den Anlass und für unsere Region, dass sich das Jazzfestival in St. Gallen etablieren kann. Sicher kann die Stadt in der Aufbauphase wesentlich grössere finanzielle Beiträge leisten und auch ein deutlich grösseres Publikumspotenzial bieten. Warum die bisherigen Veranstaltungen nicht einen grösseren Publikumsaufmarsch bewirkt haben, kann ich nicht beurteilen. Auch ich hätte gerne mehr Jazz-Liebhaber in Flawil gesehen. Am Anlass 2011 war der Gesamtgemeinderat ortsabwesend. Leider liess sich diese Terminkollision nicht vermeiden. Für den Neustart in St. Gallen wünsche ich dem jazzin den verdient guten Erfolg und hoffentlich nachhaltigen Aufstieg zu einem Leuchtturm-Event für unsere Region. (mf.)